12.01.2020
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Beteigeuze

Beteigeuze

Bild 1: Beteigeuze im Sternbild Orion (Bildcredit: ESA/Gaia/DPAC)

Liebe Freunde von Urknall, Weltall und das Leben, ich hoffe, Sie sind alle besser ins neue Jahr gestartet als Beteigeuze. Der rote Überriese mit 20 Sonnenmassen hat zur Zeit seine Arge Mühe - eventuell bahnt sich eine Kernkollaps-Supernova an. Zum Glück ist Alpha Orionis - wie der Schulterstern des Sternbildes Orion auch genannt wird - beruhigende 640 Lichtjahre von uns entfernt.  Dass wir ihn trotzdem deutlich mit bloßem Auge am Nachthimmel wahrnehmen hat mit seinen 55.000 Sonnenleuchtstärken zu tun. Die wiederum verdankt Beteigeuze seiner schieren Größe. Unsere Sonne würde in der gewaltigen Plasmakugel des roten Überriesen ca. 500 Millionen Mal Platz finden. Seine imposante Oberfläche, die in unserem Sonnensystem über die Umlaufbahn des Jupiters hinaus reichen würde, heizt der zentrale Fusionsreaktor auf 3.450 Kelvin - Tendenz fallend. Und genau da beginnt das Problem: Beteigeuze hat sich um 150 Kelvin abgekühlt, ist um 15 Prozent geschrumpft und hat am Nachthimmel deutlich an Helligkeit eingebüßt. Er ist sogar aus den top ten der hellsten Sterne gefallen - auf Rang 21.

 

Wie lautet die astronomische Diagnose für den 10 Millionen Jahre alten Patienten? Zwei Szenarien sind sehr wahrscheinlich:

1.) Beteigeuze hat wieder mal deutlich Dampf abgelassen - d. h. eine Gaswolke davongeblasen, die ihn in unserer Sichtlinie verdunkelt.

2.) Es kündigt sich eine Kernkollaps-Supernova an.

Beteigeuze

Bild 2: Beteigeuze (Bildcredit: Andrea Dupree (Harvard-Smithsonian CfA), Ronald Gilliland (STScI), NASA and ESA)

Spektakulär wäre Letzteres natürlich allemal. Am Nachthimmel wäre die Supernova für einige Wochen fast so hell wie der Vollmond zu bewundern. Wenige Monate später käme es zu einem zweiten Ausbruch. Beteigeuze staut nämlich in Flugrichtung eine Teilchenwand vor sich auf - gespeist aus seinem Teilchenwind, der in Form einer Schockwelle auf das interstellare Medium trifft. Der Zusammenprall mit den abgesprengten Hüllen würde das zweite Schauspiel auslösen. Als Theoretiker muss ich aber auf die Spaßbremse treten. Theoretisch würde man zu Beginn einer Supernova nämlich erst einen starken Helligkeitsanstieg erwarten. Der Helligkeitsabfall wäre dann erste der zweite Schritt. Zudem führen rote Überriesen generel ein launiges Leben und Schwankungen sind ihr Markenzeichen. Damit kommt die weniger aufregende Variante eins wieder ins Spiel. Die "üblichen" Schwankungen verlaufen periodisch - bei unserem Protagonisten ist es eine etwa 6-jährige Hauptperiode, überlagert von einer etwa 150 - 300-tägigen zweiten Periode. Im Extremfall könnten sich diese Schwankungen zum beobachteten Bild überlagern.

 

Es bleibt also spannend - wenngleich der Medien-Hype mit den üblichen Weltuntergangsszenarien natürlich wieder mal völlig überzogen ist. Für eine echte Bedrohung unserer kosmischen Heimat müsste eine Supernova zehnmal näher stattfinden - zumal wir nicht in der Jet-Achse von Beteigeuze liegen, entlang der ein Gammablitz zu befürchten wäre. Nur auf kurze Entfernung wäre die harte Gammastrahlung einer Supernova vom Typ II in der Lage, in unserer Atmosphäre Stickstoff zu oxidieren und dabei unsere Ozonschicht zu zerstören. Im oberen Ordovizium, d. h. vor rund 450 Millionen Jahren, könnte tatsächlich eine Supernova vor unserer Haustür stattgefunden haben - begleitet von einem 50-prozentigen Aussterben des ozeanischen Lebens. Ablagerungen des verräterischen Eisen-60-Isotops im Südpazifik weisen darauf hin.

Auf stellaren Zeitskalen sind hundert Jahre übrigens ein Wimpernschlag. Wer also darauf baut, demnächst in den Genuß eines kosmischen Schauspiels zu kommen, wird vermutlich enttäuscht werden. Aber wenn sich in unserer kosmischen Nachbarschaft Großes ankündigt, wollte ich Ihnen kurz davon erzählen. Sobald ich etwas Zeit finde, werde ich auch ein Video mit weiterführenden Details zu Kernkollaps-Supernovae erstellen.

In der Zwischenzeit schlage ich vor, wir nehmen Beteigeuze zum Anlaß, das Leben zu genießen - man kann ja nie wissen, was uns sonst noch in den Weiten des Alls erwartet…

 

Josef M. Gaßner (12. Januar 2020)

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